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Blickfang oder Barriere? Was Messestände anziehend macht und was nicht

Auf einen Blick

  • Der erste Eindruck entscheidet: Eine offene, intuitive Standgestaltung wirkt einladend, Barrieren und starre Wegeführung schrecken ab.
  • Das Standpersonal ist entscheidend: Gleichmäßig verteilte, nahbar gekleidete Mitarbeiter:innen wirken sympathischer als formale Gruppen im klassischen Anzug.
  • Weniger ist oft mehr: Minimalistische Konzepte wie der Geberit-Stand auf den Design Days zeigen, dass Zurückhaltung zum Blickfang werden kann.
  • Standlage strategisch wählen: Ein abgelegener Platz spart Geld, birgt aber das Risiko, dass Besuchende schlicht vorbeigehen.
Erstellt
15.09.25
Lesezeit
5 Minuten
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Messestand von Camira auf der ORGATEC 2022: farbenfrohe Wandgestaltung mit geometrischen Textilflächen in Orange-, Braun- und Rottönen, kombiniert mit modernen Möbeln, Barhockern und Pendelleuchten.
Inhaltsverzeichnis
  1. Lage, Lage, Lage
  2. Das diffuse Bauchgefühl
  3. Case Study: Ein Blickfang kann auch minimal sein. Geberit auf den Design Days 2023
  4. Boutique oder Gated Community?
  5. Der Einfluss von Kleidung
  6. Fazit
  7. Häufige Fragen

Die Messehallen öffnen ihre Tore und im besten Fall strömen die Besucher:innen direkt zu eurem Stand. Doch was entscheidet in den ersten Sekunden darüber, ob sie an eurem Stand verweilen oder weiterziehen? Ist es das Standpersonal, das Design oder die Inszenierung eurer Produkte? In diesem Artikel legen wir den Fokus auf die Psychologie des ersten Eindrucks und werfen einen genaueren Blick auf die Gos und No-Gos, auf die ihr achten solltet.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus unserem Praxis-Guide »Messe heute – Messe morgen«. Der Guide bündelt Erkenntnisse aus 16 Tiefeninterviews mit Branchenvertreter:innen und einer quantitativen Studie unter 126 (Innen-)Architekt:innen. Ziel ist es, Bauproduktherstellern konkrete Tipps und Strategien an die Hand zu geben, um Messeauftritte wirksamer zu gestalten.

»Wenn der Stand aussieht wie ein Tante-Emma-Laden, fragen wir uns schon, ob das Produkt dann auch gut ist.«

Christiane WillMÄCKLER ARCHITEKTEN

Lage, Lage, Lage

Ein gutes Standkonzept beruht auf mehreren Säulen. Die strategische Vorbereitung dazu behandeln wir ausführlich in unserem Praxis-Guide. Ein ebenso entscheidender Faktor, den wir hier betrachten, ist die Lage, die oft vom Budget beeinflusst wird. Prominente Plätze sind deutlich teurer als die Randbereiche, aber ein abgelegener Standort birgt das Risiko, dass Besuchende schlichtweg an euch vorbeilaufen. Überlegt daher gut, ob ein Randplatz wirklich sinnvoll ist, oder ob eine mittlere Kategorie langfristig strategisch die bessere Wahl ist.

Das diffuse Bauchgefühl

Der erste Eindruck ist oft intuitiv. Besuchende möchten sich eingeladen, aber nicht bedrängt fühlen. Eine offene Standgestaltung trägt maßgeblich dazu bei. Hier einige konkrete Tipps:

  • Offene Gestaltung: Setzt auf transluzente Materialien oder fließende Stoffe, um Räume zu schaffen, ohne sie abzugrenzen.
  • Einbahnstraßen vermeiden: Vermeidet starre Wegeführung und gebt den Besuchenden die Freiheit, sich selbstständig zu orientieren.
  • Ruhezonen einplanen: Schafft Bereiche, in denen sich die Besuchenden ganz bewusst zurückziehen und sich erholen können vom trubeligen Messegeschehen.
  • Orientierungshilfen: Schafft ein intuitives Wegeleitsystem innerhalb eures Messestandes. Für größere Stände bieten visuelle Hinweise wie Wegweiser oder Farbcodierung (Boden, Wand, Decke) eine intuitive Navigation. Logisch strukturierte Produktbereiche mit klar lesbaren Beschriftungen unterstützen ebenfalls. Einige Hersteller sortieren ihre Produkte beispielsweise in thematischen Inseln, die durch kurze Wege intuitiv miteinander verbunden sind. Auch ein gut sichtbarer Infopunkt mit digitaler Karte kann ein guter Ausgangspunkt für die Erkundung des Messestandes sein.

Case Study: Ein Blickfang kann auch minimal sein. Geberit auf den Design Days 2023

Dass auch ein zurückhaltender Stand zum Blickfang werden kann, beweist Geberit auf den Design Days 2023 in Katowice. In Zusammenarbeit mit hanczar studio wurde ein puristisches Konzept realisiert, das Licht als zentrales Gestaltungselement in den Mittelpunkt stellte. Die vollständig in Blau gehaltene Installation präsentierte das Produktportfolio auf einer verspiegelten Oberfläche, die den Raum optisch erweiterte und eine ruhige, einladende Atmosphäre schuf.

Der Stand überzeugte durch seine klare und offene Gestaltung, die den Besuchenden Orientierung und Bewegungsfreiheit ließ. Wiederverwendbarkeit wurde bei diesem Konzept großgeschrieben: Der Stand ist modular gestaltet und kann mit minimalem Materialeinsatz und geringem Transportaufwand an verschiedenen Orten erneut genutzt werden. Die Ausstellung kam unter anderem bei der Konferenz »Shigeru Ban and Architecture for Refugees« in Warschau zum Einsatz. Und trotzdem, oder gerade deswegen, bleibt er in Erinnerung.

Installation ROTA ET SPECULUM von Geberit, gestaltet vom hanczar studio: Sanitärkeramik auf einer großen Spiegelplatte, inszeniert in blauem Licht
Geberit, ROTA ET SPECULUM Installation (Design: hanczar studio, Foto: Dagmara Maroszek-Bździuch)

Boutique oder Gated Community?

Ein Messestand ist wie eine Boutique. In unseren Tiefeninterviews haben wir herausgefunden, dass Exklusivität aber auch abschreckend wirken kann, und das gilt es zu vermeiden. Die Besuchenden sollten sich frei orientieren können, ohne das Gefühl zu haben, beobachtet zu werden. Klare Leitsysteme helfen dabei, dass Besuchende sich selbst zurechtfinden und den Stand ohne Druck erkunden können. Gleichzeitig sollte der Stand aber auch genügend Raum bieten, damit niemand das Gefühl hat, sich durch enge Passagen quetschen zu müssen.

Interaktive Elemente können dabei helfen, den Erstkontakt zu erleichtern. Bewegliche Installationen, wie ein Roboter, der ein Produkt präsentiert oder kleine Demonstrationen durchführt, ziehen die Blicke auf sich. Auch Produkt-Mockups, wie beispielsweise ein maßstabsgetreues Fensterprofil, machen komplexe Themen »anfassbar«.

»Ich finde es unangenehm, wenn mehr Personal an einem Messestand anwesend ist als Kundinnen und Kunden.«

Christine Klugassmann gruppe

Übrigens spielt auch die Anzahl und die Positionierung des Messestand-Teams eine wichtige Rolle.

Verteilt das Team gleichmäßig, statt es in Gruppen stehen zu lassen. Einzelne, offen stehende Mitarbeiter:innen, die freundlich begrüßen, wirken einladender als Cluster. Und wie viel Personal braucht ein Messestand? Nach unserer Erfahrung reicht eine Person pro 5 bis 15 Quadratmeter. Die genaue Anzahl hängt jedoch stark vom Konzept ab: Kleine Stände, wie beispielsweise auf der architect@work, sollten von maximal zwei Personen betreut werden. Ein 30 Quadratmeter großer Stand kann, je nach Thema, auch drei bis vier Personen sinnvoll einbinden.

»Warum gibt es auf Messen immer noch so viele Herren im klassischen blauen Anzug mit roter Krawatte? Das wirkt auf mich eher abschreckend.«

Wiebke AhuesLXSY

Der Einfluss von Kleidung

Die Kleidung des Messeteams beeinflusst den ersten Eindruck. Wie Wiebke Ahues treffend beschreibt, wirken traditionelle Messe-Outfits wie Anzüge mit roter Krawatte oft distanziert und unnahbar. Besonders der weibliche Anteil der Besuchenden fühlt sich häufig von zu formeller Kleidung abgeschreckt. Stattdessen sollte die Kleidung zur Markenbotschaft und Zielgruppe passen. Möchtet ihr nahbar und sympathisch auftreten oder doch eher eine professionelle Distanz wahren? Die Kleidung eures Messeteams hat darauf großen Einfluss. Und damit meinen wir nicht, dass alle einen schwarzen Rollkragenpulli tragen müssen, um den pauschalen Designansprüchen der (Innen-)Architekt:innen gerecht zu werden. Wichtig ist vor allem, dass sich das Team wohlfühlt und nahbar wirkt.

Fazit

Der erste Eindruck entscheidet darüber, ob Besucher:innen an eurem Stand verweilen oder weiterziehen. Eine offene, intuitive Standgestaltung wirkt einladend, während Barrieren oder zu viele Mitarbeitende an einem Ort abschrecken. Auch die Kleidung und Präsenz eures Teams spielen eine wichtige Rolle: Nahbare Outfits und eine freundliche Ansprache wirken sympathischer als zu formales Standpersonal. Und nicht zuletzt: Weniger ist oft mehr. Minimalistische Stände wie der von Geberit zeigen, dass Zurückhaltung zum Blickfang werden kann.

Weitere Insights findet ihr in unserem Praxis-Guide »Messe heute – Messe morgen«.

Häufige Fragen zum Artikel

Wie viel Budget sollte ich für die Standlage einplanen im Verhältnis zum Gesamtbudget?

Eine pauschale Zahl gibt es nicht. Wichtiger als ein fester Anteil ist die Abwägung: Investiert lieber in eine mittlere Lage mit gutem Laufpublikum, statt das gesparte Geld eines Randplatzes in aufwendige Standbauten zu stecken, die niemand sieht. Ein gut platzierter, reduzierter Stand schlägt einen spektakulären Stand in der hintersten Ecke.

Wie kleide ich mein Standteam, ohne beliebig oder unprofessionell zu wirken?

Setzt auf ein einheitliches, aber nahbares Erscheinungsbild: gut sitzende Basics in abgestimmten Farben, die zu eurer Marke passen, wirken professionell und gleichzeitig zugänglich. Vermeidet den klassischen Anzug-Krawatte-Look ebenso wie zu legere Freizeitkleidung. Ein gut sichtbares, dezentes Branding, etwa ein gesticktes Logo oder ein farblich abgestimmtes Accessoire, hilft Besucher:innen zusätzlich, euer Team schnell als Ansprechpartner:innen zu erkennen.

Welche interaktiven Elemente funktionieren auch mit kleinem Budget auf kompakten Messeständen?

Ihr braucht keinen Roboter, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Anfassbare Produktmuster in verschiedenen Ausführungen, ein gut inszeniertes Materialregal zum Selbsterkunden oder ein simples digitales Tool, mit dem Besucher:innen Konfigurationen ausprobieren können, reichen oft aus. Entscheidend ist, dass das Element zum eigenständigen Entdecken einlädt und so den Gesprächseinstieg für euer Team erleichtert.

Ab welcher Standgröße lohnt sich ein eigenes Wegeleitsystem?

Ein durchdachtes Leitsystem lohnt sich, sobald Besucher:innen nicht mehr auf einen Blick erfassen können, was wo zu finden ist. Bei kleineren Ständen reicht eine klare thematische Zonierung mit gut lesbaren Beschriftungen. Wichtig ist in beiden Fällen: Die Struktur muss intuitiv funktionieren, ohne dass jemand vom Standteam sie erklären muss.

Wie messe ich nach der Messe, ob mein Standkonzept tatsächlich funktioniert hat?

Zählt nicht nur Leads, sondern erfasst auch die Verweildauer und die Qualität der Gespräche, etwa durch kurze Feedbackbögen eures Standteams nach jedem Messetag. Vergleicht die Anzahl der Spontanbesucher:innen mit der Zahl der vorab vereinbarten Termine, um zu sehen, wie stark euer Stand auch »im Vorbeigehen« gewirkt hat. Diese Daten helfen euch, beim nächsten Mal an Gestaltung, Personalverteilung oder Lage zu justieren.

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